Familie Albert Kortmann aus Großringe

Die Familie Kortmann wanderte im Januar 1954 aus nach Holland / Michigan (USA)

Von Christa Brinkers

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Bentheimer Jahrbuch von 1965 und wurde in den April- und Juli 2020-Ausgaben des Newsletters der Bentheimers International Society erneut veröffentlicht. Übersetzt von Pastor Dr. Gerrit Jan Beuker.

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Color photo of the MV Italia passenger ship in the 1950s. The Kortmann family traveled aboard this ship.

Der “M.V. Italia” wurde 1928 für die Swedish American Line gebaut und Kungsholm genannt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sie von der US-Regierung als Truppentransporterin eingesetzt, als sie “John Ericsson” umbenannt wurde. Sie diente den Home Lines von 1948 bis 1964, als sie “Italia” genannt wurde.

Familiensinn und Nachbarschaftstreue werden in unserer Grafschaft Bentheim immer groß geschrieben. Nicht nur in heimatlichen Dörfern und Städten und über die nahe geographische Grenze zu den Niederlanden hinaus, auch aus fernen, fremden Ländern leuchten sie uns entgegen von Auswanderern, die Traditionen hoch– und heilighalten.

Einführung

Im “Bentheimer Heimatkalender 1951″, 5.27 f., lesen wir die interessanten Mitteilungen des Vorsitzenden der Drents Genootschap”, Dr. H. J. Prakke, Assen, über die ersten Auswanderer, die 1847 aus der Grafschaft und Drenthe nach Amerika zogen und dort die Orte “Grafschaft” und “Holland” gründeten. Es waren Altreformierte, die, von der Obrigkeit beiderseits der Grenze wegen ihres Glaubens nicht gut gelitten, unter der Führung von Dr. Albertus van Raalte die gefahrvolle Fahrt mit einem Segelschiff über den Ozean wagten. Als Pioniere legten sie im Staate Michigan (USA) das Fundament für die Existenz der nachfolgenden Familienangehörigen und Nachbarn.

Eberhard Liese hat im “Jahrbuch 1954” über seinen Besuch “Bei den Grafschaftern in USA” spannend, humorvoll und erinnerungsreich geschrieben (S. 116 f.). Man muss diesen Bericht unbedingt nachlesen, um zu ermessen, was aus den alten Geschlechtern in der neuen Welt geworden ist und wie sie in vorbildlicher Gemeinschaft hohe Ziele erreicht haben.

Der Beitrag von Willy Friedrich im “Jahrbuch 1959”, S. 231 f., “Sie gingen nach Amerika”, stellt Auswandererschicksale nach alten Aufzeichnungen dar. Vor allem werden uns die verschiedenen Gründe der Auswanderung aufgezeigt, in denen sich die Nöte der Zeit für die Einzelnen widerspiegeln. Dadurch wird unser Verstehen für dieses Wagnis geweckt, und wir bewundern den Mut, die Entschlossenheit und die starke Hoffnung, ohne die kein Wagnis begonnen und durchgeführt werden kann.

In meiner Plauderei “Raseneisenerz=Betrieb, ein Familien–Unternehmen” im “Jahrbuch 1960”, S. 158 f., stellte ich die familiären und gutnachbarlichen Beziehungen, die ich in vielen Jahren erlebte, in den Vordergrund. Da war es vor allem Albert Kortmann in Großringe, der mit dem Betrieb eng verbunden war vom Oktober 1948 bis zum Dezember 1953. Er kaufte Erze auf, stellte Fuhrmann und Pferde für das Abfahren der Erze aus den niedrigen Wiesen und Weusten, half beim Verladen für den Weitertransport mit Diesellok und Bulldog. Unermüdlich, fleißig und zuverlässig schaffte Albert Kortmann für seine große Familie.

Photo of standing water in a bog with trees growing around. Some of the water is rusty red, showing the presence of iron particles.

Was ist “Raseneisenerz”? Raseneisenerz entsteht, wenn im Grundwasser Eisenpartikel schwimmen. Die Eisenpartikel sinken auf die Pflanzen, die am Boden des Moores wachsen. Die Pflanzen sterben schließlich. Bakterien, die auf dem toten oder absterbenden Pflanzenmaterial wachsen, konzentrieren die Eisenpartikel. Dadurch entstehen über lange Zeit Klumpen von Eisenablagerungen. Diese Klumpen, die als „Raseneisenerz“ bezeichnet werden, sind von Schmieden leicht schmelzbar. (Video auf Englisch)

Auf dem Hofe in Großringe, den er von seinen Vorfahren ererbt hatte, wurde er am 28. Juni 1902 geboren. Er heiratete Johanne Klompmaker aus Heesterkante, geb. am 7. April 1910. Im Laufe der Jahre füllte sich das Haus mit einer elfköpfigen gesunden Kinderschar. Es war herzerfreuend, die mit den Kindern junggebliebenen Eltern zu erleben! Als die kleine Aleide 1951 geboren wurde, trat die ganze Betriebsbelegschaft mit einem 2 ½ Meter langen “Weggen” auf einer Leiter zur Kindtaufe bei Familie Kortmann an. Es war ein überaus fröhliches Fest!

Ein Weggen oder Kilmerstuten ist ein Hefegebäck, das den Eltern nach der Geburt eines Kindes gegeben wird. Zutaten sind Weizenmehl, Butter, Eier, Hefe, Milch, Wasser, Zucker, Salz und Rosinen. Es ist mit einer Schicht Zuckerguss bedeckt und oft mit Marzipanbuchstaben verziert, die den Namen des Kindes buchstabieren. Ein Weggen ist normalerweise 1½ Meter lang, aber manchmal ist er 1 Meter lang für das erste Kind, 2 Meter für das zweite und so weiter. Der Weggen wird transportiert und auf einer Holzleiter präsentiert, die auch andere Geschenke für die Familie trägt. Dieser Brauch wird in Emsland, im Osnabrücker Land, im Oldenburger Münsterland und in der Grafschaft Bentheim praktiziert.

Mit den heranwachsenden Söhnen und Töchtern stellten sich bei den Eltern naturgemäß die Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder ein. Ihren Veranlagungen und Begabungen entsprechend sollten sie Berufe ergreifen, die ihnen Sicherheit und gutes Auskommen boten. Der Briefwechsel mit der beiderseitigen großen Verwandtschaft in Holland Michigan zeigte neue Perspektiven auf. Brüder und Schwestern, Onkel und Tanten, Vettern und Cousinen hatten es dort zu Besitz und Ansehen gebracht. Sie versprachen jegliche Hilfe für den neuen Anfang der großen Familie.

Ende Dezember 1953 waren die Vorbereitungen für die Auswanderung ziemlich abgeschlossen. Der Hof wurde dem Pächter Hermann (Harm) Schepers [gjb 1916–1990] übergeben, der ihn später käuflich erwarb. Die nötigen Papiere waren beschafft, alle Formalitäten erledigt und der Haushalt in Großringe aufgelöst.

Und nun lassen wir Albert Kortmann in seinem Bericht von der Überfahrt und in seinem ersten Brief aus Holland/Michigan selbst zu Worte kommen:

Albert Kortmanns Brief an Freunde zu Hause

Holland/Michigan (USA), den 7. Februar 1954

An die Belegschaft der Firma Binder–Ehling,

durch Herrn Heinz Brinkers und Herrn Georg Koops!

Lieber Heinz und lieber Georg! Liebe Freunde!

Ich will heute den Versuch machen, Euch einen kleinen Bericht von unserer Überfahrt nach Amerika zu geben. – Am Abend des 9. Januar 1954 haben wir mit unseren elf Kindern die alte Heimat Großringe verlassen. Unter großer Anteilnahme von Nachbarn, Freunden und Bekannten nahmen wir Abschied und fuhren in der Nacht mit einem Bus der Firma Kronemeyer nach Hamburg.

Photo of a Johanne Kortmann with corsage and Albert in a suit and tie.

Johanne (Klompmaker) und Albert Kortmann.

Von Hamburg nach Le Havre, Frankreich; Der atlantische Ozean

10. Januar 1954: Um acht Uhr früh waren wir schon in Hamburg. Alle waren wohlauf. Wir hatten herrliches Wetter! Am Abend wurden wir eingeschifft. Alles war in Ordnung. Um 23 Uhr wurden die Landungsbrücken vom Schiff abgenommen, und die “Italia” löste sich unter den Klängen: “Muss ich denn, muss ich denn zum Städtelein hinaus” und anderer Abschiedslieder von den Ankern. Sehr rasch verschwand Hamburg mit seinen Lichtern vor unseren Augen. Jeder ging in seine Kabine und versuchte zu schlafen.

11. Januar: Wir alle sind mobil aufgestanden und haben um sieben Uhr gefrühstückt. Die Nordsee war sehr unruhig geworden, und die Hälfte der Passagiere kam nicht zum Mittagessen. Johanne, Gesine und die Kleinen liegen im Bett und fühlen sich sehr krank und elend. Hermann, Heinrich und ich sind frisch und munter. Wir laufen durch die ganze “Italia”. Es ist ein schöner Kasten von 22000 Tonnen. Wenn man solchen Kahn sieht, ist die Angst weg. Das Essen ist prima. Heute waren wir beim Abendessen alle wieder beieinander. Die Zigaretten kosten hier an Bord 20 Stück 17 Ct., ein Glas Bier 10 Ct., 50 g Tabak 20 Ct., 1 Schnaps (Großformat) 25 Ct. Wir gehen heute früh schlafen, denn meine Familie ist müde vom “Fische füttern”! Ihr wisst, was das bedeutet? Oder nicht?

12. Januar: Die See ist heute schön ruhig. Die Leute sind alle wieder da. Wir passieren den Kanal bei England. Man sieht nur Wasser. Heute Mittag um 12.30 Uhr sind wir im Hafen von Le Havre, Frankreich, angekommen. Eine herrliche Aussicht! Es werden 200 Passagiere aufgenommen, dazu Proviant und dergl. “Erze” habe ich noch nicht entdeckt! (Albert kann seine Gedanken vom Raseneisenerz–Betrieb noch nicht losreißen!) Gleich um drei Uhr gibt es Kaffee und Kuchen. Um 16 Uhr hat unser Schiff Le Havre verlassen. Wir brausen jetzt mit voller Wucht dem Ozean entgegen. Im Hafen von Le Havre lag das vormals deutsche schöne Schiff “Europa”, das von Frankreich auf den Namen “Liberté” umgetauft wurde. Am Abend haben wir wieder gut gegessen. Unterhaltung gibt es genug an Bord. Die Menschen sind alle sehr freundlich miteinander. Die Schiffsbesatzung ist deutsch. Musik, deutsche Musik haben wir den ganzen Tag. Die Kleinen sind jetzt im Bett, wir Großen sind noch eben spazieren gegangen. Da finden wir gerade eine lustige Ecke! Vier Seeratten singen Seemannslieder. Es wird mit viel Humor erzählt!

13. Januar: Heute Morgen war die See wieder sehr unruhig. Wir sind jetzt auf dem Ozean! Die meisten an Bord sind seekrank. Johanne, Gesine, Jan und die Kleinen sind wieder dabei. Hermann, Heinrich und ich blieben bis jetzt verschont. Seekrank zu sein ist eine sehr unangenehme Angelegenheit. Heute Mittag waren nur wenige zum Essen da. Ich höre soeben, dass wir Windstärke zehn haben. Ich befinde mich hinten auf Deck und sehe nur Türme von Wasser und dazu Löcher, noch tiefer als im Erzfelde Wüpker! Es ist hier also eine “schlechte Planierung”!

Hohe See auf dem Atlantik

14. Januar: Ich summe das Lied: “Stürmisch die Nacht, und die See geht hoch.” Die Kranken liegen immer noch. Wir aber sind mobil! “Das kann ja einen Seemann nicht erschüttern!” Soeben haben wir einem Gottesdienst beigewohnt. Es ist ein Pastor hier an Bord. Er hält jeden Vormittag von 9 bis 10 Uhr in der Halle eine Andachtsstunde. – Die Schiffseinrichtung ist sehr gemütlich. — Soeben hatten wir Rettungsüben mit Schwimmgürtel–Anlegen! Schwimmen brauchen wir nicht! Ta–ti–ta–tu! Bloß Unterricht! Der Sturm wird immer stärker, so dass die Wogen über Deck fliegen. Es geht sehr lustig her!

15. Januar: Bei dem Sturm in der Nacht krachte das Schiff in allen Fugen, aber trotzdem haben wir alle geschlafen. Es ist nicht schön, aber es geht! Mit unseren Papieren haben wir fast jeden Tag zu tun, so dass der Haufen immer noch größer wird. Wir schlafen “militärisch”: in zwei Betten übereinander! Euch wünsche ich eine geruhsame Nacht!

16. Januar: Nach dem Sturm ist wieder Ruhe eingekehrt. Wir haben klaren Himmel, und die Barometer steigen. Es ist nur noch Windstärke vier! Wir befinden uns jetzt auf dem Golfstrom, und die Warmwasserströmung beschert uns “Tauwetter”. — Wir werden aber oben bei Neufundland wohl wieder andere Temperaturen erleben! Außer Jan haben alle wieder guten Appetit. Heute Mittag haben die Kinder einen Schwarm großer Fische gesehen, wohl Delphine von zwei Metern Länge. Jetzt am Abend regnet es tüchtig.

Activities program from a 1949 voyage of the M.V. Italia.

Der “M.V. Italias” Veranstaltungsprogramm vom Mittwoch, 9. November 1949. Der untere Abschnitt enthält Rettungsüben für die “Abandon Ship Drill”, die an diesem Tag stattfinden soll.

Die Familie Kortmann nähert sich der kanadischen Küste

17. Januar: Heute ist Sonntag. Wir sind alle munter und werden gleich einen Gottesdienst besuchen. In der vergangenen Nacht war wieder was los! Wir schaukelten rechts, links, vorwärts, rückwärts, so das um zwölf Uhr der Aschenbecher von unserm Schrank flog. Aber Ihr sollt deshalb nicht bange werden und uns trotzdem in unserer neuen Heimat besuchen. Einen Begriff vom Ozean bekommt man nur, wenn man ihn erlebt; lernen kann man das in der Schule nicht. Es ist viel Abwechslung an Bord. Es wird schon dafür gesorgt, dass die Menschen nicht müde werden. Die Kinder wurden heute beschert mit Kuchen und Kakao. Auch bekamen sie bunte Papiermützen. Wir werden nächstens ein Bild davon beilegen. Durch Radio, Presse haben wir heute Morgen erfahren, dass an der Nordseeküste und in Holland wieder schwere Stürme tobten. Hier war es heute den ganzen Tag ruhig.

18. Januar: Wir fahren langsam, aber sicher Halifax entgegen. Nach dem ruhigen Morgen haben wir jetzt schon wieder Windstärke acht! Wenn wir in New York ankommen, sind wir tüchtig durcheinandergeschüttelt. Es ist jetzt ein so furchtbarer Sturm, dass wir kaum vorwärtskommen. Die gleichen Fahr–Kilometer könnten wir wohl mit dem Fahrrad schaffen!!

19. Januar: Wir verlangen alle nach dem Ende der Reise. Vorläufiger Bericht ist, dass wir morgen früh in Halifax sind, aber ich glaube es kaum. Wir hatten heute Morgen nicht nur allein mit dem Sturm zu tun. Auf einmal gingen die Sirenen. Es war Feuer ausgebrochen in der Küche. Das war doch ein seltsames Gefühl, und uns kam das schöne Lied ins Gedächtnis: ,,In allen Stürmen, in aller Not, wird er dich beschirmen, der treue Gott!” Unruhe und Panik sind nicht entstanden. — Seit Mittag ist die See wieder ruhig. Heute haben wir einen Dampfer gesehen, die “Atlantik”, mit der Langemaat gefahren sind.

20. Januar: Wir haben gut geschlafen. Als wir aufwachten, konnten wir Land sehen. Es war Kanada, ein fremder Erdteil. Die See ist schön ruhig. Alle Passagiere sind in bester Stimmung, alle sind froh. Wir hoffen, in der Nacht vom 21. bis 22. Januar das Ziel, New York, zu erreichen. Wir packen so langsam wieder unsere Koffer. Soeben haben wir unser Gepäck weiter, vom Schiff aus, aufgegeben zum Endziel: Holland, Michigan. Wir haben das Reisen auch allmählich satt, man sieht jeden Tag dieselben Gesichter.

21. Januar: Wir alle sind munter aufgestanden, bloß Jan hat sich sehr erkältet und will heute nicht so richtig aufstehen. Ich war schon im Schiffshospital und habe Hustentabletten für ihn geholt. Hoffentlich ist er morgen wieder gesund. Heute gibt es Parole auf Parole, dann diese Papiere, dann jene! Morgen früh müssen wir um 5.30 Uhr schon aufstehen zum Essen.

Von New York City nach Kalamazoo

22. Januar: Heute früh haben wir New York erreicht. Es ist ein Flammenmeer von Lampen, von gewaltigen Wolkenkratzern und von unendlichen Autoschlangen. Um 5.30 Uhr geht es los: Das Treppenlaufen haben wir schon gelernt. Zuerst kommen die amerikanischen Bürger an die Reihe, die zu Besuch im Old–Country waren. Dann folgen die Passagiere der ersten Klasse. So, jetzt kommen wir an die Reihe! Mit sämtlichen Papieren in der Hand müssen wir uns im Rauchsalon der ersten Klasse aufstellen. Visum, Landungskarten und Impfscheine sind bereitzuhalten. So kommen wir durch sämtliche Sperren. Die US=Ärzte untersuchen uns oberflächlich und prüfen die Papiere. O. K. Wir gehen weiter.

Eine Frau will uns “einsammeln” und fragt nach der Familie Kortmann. Sie spricht deutsch. Die Spediteure für unser Gepäck fertigen uns ab. Auch sind schon Fotografen von der Presse da und erwarten uns. Es ging: Familie Kortmann hier! und Familie Kortmann da! Als ob sie uns schon jahrelang gekannt hätten! Alle waren freundlich und sehr hilfsbereit. Wir gingen vom Schiff herunter und kamen in die große Zollhalle. Es ging über Erwarten schnell. Wir brauchten keinen Koffer zu öffnen, aber die Kisten waren schon aufgebrochen und inspiziert. Von der Halle aus wurden wir mit dem Auto zum Bahnhof gebracht.

Wir mussten bis zur Abfahrt unseres Zuges um sechs Uhr abends warten. 20 bis 30 Fotografen nahmen uns wieder in Empfang. Zum Verrücktwerden! Wir sind aber der Menschenmenge entwichen und haben zu Mittag gegessen. Dann warten, warten, warten bis sechs Uhr! Alles strengte uns überaus an nach der langen beschwerlichen Reise. Dann wurde die kleine Leida auch noch krank. Wir haben um sie gebangt, da wir ja noch nicht am Ziel waren. — Um sechs Uhr wurden wir zum Bahnsteig gebracht, wo der Zug fertig stand, der uns nach Kalamazoo bringen sollte.

Die Züge sind sehr schön eingerichtet, auch zum Schlafen. Es sind Liegestühle da, die man auseinander klappen kann. Das Bedienungspersonal, meist Schwarze, war sehr hilfsbereit und bescheiden. Da es Nacht war, konnten wir von der Landschaft wenig sehen. Die Kinder haben ziemlich gut geschlafen. Wir hatten noch einige Kissen gemietet. Und so ging die Nacht schnell vorbei.

23. Januar: Um 10.30 Uhr vormittags kamen wir in Kalamazoo an. Alle Schwager und Verwandten hatten sich eingefunden. Sie waren mit sieben Autos da, um uns abzuholen. Es war ein sehr lebhafter Empfang, ein freudiges Wiedersehen und Händeschütteln! Dann ging es weiter unserer neuen Heimat Holland/Michigan entgegen. Punkt zwölf Uhr waren wir in unserem schönen, neuen Heim. Das Mittagessen war angerichtet, und wir haben alle zusammen ein fröhliches Mahl gehalten. Das ganze Haus war geheizt, die Betten standen fertiggemacht, Nahrungsmittel waren genügend da und reichten mindestens für sechs Wochen.

Die Kortmann Familie siedelt sich in in Holland, Michigan

The Kortman house in Holland during the wintertime.

Ja, Ihr Lieben alle! Gerne möchte ich Euch jetzt einen kleinen Einblick geben in unsere neue Heimat. Das Leben ist ganz anders hier wie bei uns in der Grafschaft Bentheim oder in Meppen, Das Haus ist sehr praktisch eingerichtet. Wir wohnen hier nicht direkt in der Stadt, sondern etwas außerhalb. Wir haben im ganzen Haus oben und unten kaltes und warmes fließendes Wasser. Im Keller steht ein großer Ofen, der zweimal am Tage nachgelegt wird. Ich will jetzt aufhören, davon weiterzuerzählen, sonst werdet Ihr wohl sagen: “Albert, hör’ up te puchen!”

Jetzt noch einiges über unsere Arbeit. Hermann konnte gleich am Montag in der Wurstabteilung einer großen Schlachterei anfangen. Wenn die Fabrikation auch ganz anders ist als in Deutschland, so schmeckt uns die Wurst hier doch ebenso gut wie in der alten Heimat. Hermann verdient 1 Dollar pro Stunde, er wird aber wohl bald mehr bekommen, da die Firma ihn schon fest angestellt hat.

Ich habe mir erst acht Tage Urlaub gegönnt und dann am folgenden Montag in einer landwirtschaftlichen Maschinenfabrik mit der Arbeit begonnen. Wir sind nur 19 Mann und stellen Sellerie–Pflanzmaschinen her. Ich bediene zwei elektrische Bandsägen in 40:Stunden:Wochenarbeit. Sonnabends haben wir frei und dadurch zwei Sonntage. Wohl nett, nicht wahr? Ich werde mich im Sommer auch sonnabends nach Arbeit umsehen. Jetzt verdiene ich 1,25 Dollar in der Stunde.

Gesine arbeitet in einer Schuhfabrik und erhält 90 Ct. pro Stunde. Es ist alles eben Anfangslohn. Wir haben uns schon ziemlich gut eingelebt. Jan arbeitet noch nicht. Wenn einer hier Arbeit leisten soll, muss er erst 18 Jahre alt sein. Jan wird im Mai 18. Er hilft seiner Mutter in der Küche. Vorerst fahren wir mit den anderen Arbeitskollegen im Auto zur Arbeit. Wir werden mit dem Autokauf vielleicht noch warten bis zum nächsten Herbst.

Seid Ihr schon wieder bei der Arbeit im Erzfeld? Grüßt sämtliche Bekannte im Twist: Deinen Schwager Walter, W. Stroot, B. Ambergen, Frau Tiek und Levelink, auch die Bauern in Neuringe, wo wir Erz gegraben haben. Hallo, Fritz Gruber in Neugnadenfeld, wie geht es Dir? Grüße Eppinger und Wegert von mir! Schickt mir die genaue Adresse von Bruno Lutter. (Wanderte auch nach Amerika aus!) Auch die besten Grüße an Familie Ehling in Nordhorn. Gebt diesen Brief auch meiner Schwester Dina zu lesen! Ich erwarte, dass Ihr so viel Geld spart, um den Sommerausflug nach hier zu machen. Ich werde Euch so gut wie möglich bewirten.

Die besten Grüße auch an G. Buß und Frau in Alexisdorf. Bleibt alle schön gesund, auch Tante Lene. Und nun die allerbesten Grüße an Deine Schwester Christa. Sie hat uns eine große Freude gemacht mit dem Bild unseres Heimathofes in Großringe. Ich habe das Bild hier vor mir hängen über dem Schreibtisch. Eine herrliche Erinnerung!

Ich will jetzt schließen mit der Bitte, dass auch alle einmal persönlich schreiben an Eure Euch nie vergessende Familie.

Albert Kortmann

Holland / Michigan (USA)

343 West, 22. Str.

Photo of Albert Kortmann with a Frisbee and smoking a pipe in his backyard.

Albert Kortmann mit Frisbee, vielleicht in seinem Hinterhof in Holland.

Das zwölfte Kind von Albert und Johanne Kortmann

Kaum hatte die Familie Kortmann ihr schönes, von einem Onkel erworbenes Haus in Besitz genommen, erschien auch schon die Presse, um die große Schar im Bilde festzuhalten. Man sollte nicht meinen, dass diese Familie sogar in Amerika so etwas wie eine Sensation für die Publizität darstellte! Ein Zeitungsbild mit Namen und Alter sämtlicher Angehörigen wurde bald in die alte Heimat geschickt.

Nun begann die Schulzeit für die Kinder. Um die englische Sprache zu erlernen, wurden sie zuerst den unteren Klassen zugeteilt. Doch sie schafften es bald, ihrem Alter nach in die oberen Klassen aufzusteigen. Immerhin mussten alle bis zum 16. bzw. 18. Lebensjahr die Schule besuchen. Die Kleinen gingen bald zum Kindergarten.

1956 gesellte sich noch ein Brüderchen zu der Geschwisterschar, der kleine Harald. Mit ihm waren die Eltern 1961 in Großringe. Viel zu schnell flogen die sieben Wochen dahin. Die älteste Tochter Gesine war 1959 endgültig in die Heimat zurückgekehrt und hatte sich 1960 mit Hermann Niers verheiratet. Sie wohnen in Alexisdorf. Ich besuchte sie dort, um Bilder und Berichte von der Familie Kortmann aus den letzten zehn Jahren zu erhalten.

Abschluss

Sehr erschüttert waren wir alle von der Todesnachricht Albert Kortmanns, der am 24. März 1963 an einem Herzinfarkt starb nach einem arbeitsamen und schaffensfrohen Leben.

Die Zeiten und Möglichkeiten sind anders geworden als zur Zeit Jürnjakob Swehns, des Amerikafahrers. Damals zogen sie zu einem schweren neuen Anfang hinaus, und selten kehrten sie in die alte Heimat zurück. Das Heimweh blieb ihr steter Begleiter. Heute fährt und fliegt der Auswanderer schon nach kurzer Zeit über den Ozean zurück, von starkem Heimweh getrieben nach seinem alten Zuhause, von Sehnsucht nach seinen Verwandten und Freunden. Nach der Rückkehr in die neue Heimat sind die Briefe wieder die Boten der Sehnsucht, wie bei Jürnjakob Swehn:

“Wenn das Heimweh ist, dann ist Heimweh keine Krankheit!

Dann ist Heimweh das Beste, was der Mensch mitnehmen kann von Hause.

Dann ist die Heimat das Beste, was der Mensch auf Erden hat!

Und wenn er Flügel der Morgenröte annimmt,

oder wenn er über die halbe Erde fährt

und an die fünfzig Jahre als Farmer in Iowa arbeitet, er reißt sich doch nicht von ihr los.

Sie hält ihn fest wie ein starkes Seil,

und keine Macht der Erde bindet mehr, als die Heimat bindet!”

 
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